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NRZ-Ausgabe vom 26.05.2020 – Das Interview führte Heike Waldor-Schäfer

Welche Spuren wird Corona hinterlassen, Herr Kuypers?

Hans-Josef Kuypers ist Wirtschaftsförderer im Kreis Kleve. Ein Gespräch über die Krise, über neue und alte Herausforderungen und die Hoffnung, die Talsohle zu meistern

Die Corona-Krise stellt das Leben der Menschen auf den Kopf. Es sind keine einfachen Zeiten, auch nicht für Wirtschaftsförderer. Einer, der in seinem Kreis seit fast 15 Jahren nah dran ist, ist Hans-Josef Kupyers, Wirtschaftsförderer für den Kreis Kleve. Ein Gespräch.

Herr Kuypers, mit welchen Auswirkungen der Corona-Krise rechnen Sie?

Diese Frage dürfte jedem Wirtschaftsförderer landauf landab unangenehm sein. Unser Berufsbild verträgt sich eher mit der Aufgabe, Optimismus zu verbreiten. Das geht hier für die nahe Zukunft eher nicht. Den ersten Rückschlägen sind auch Dank der finanziellen Hilfen vom Kreis, vom Land und Bund die durchschlagenden Kräfte genommen.

Wirkliche Klarheit wird jedem Unternehmer allerdings erst zum Jahresende über seinen Steuerberater beschert. Meine Furcht: Die brillante Exportquote unseres Kreis Kleve wird leiden, wir werden uns nicht mehr über 102.000 Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte freuen können, die Übernachtungszahlen werden längst nicht mehr nahe der Millionengrenze sein, wenn Großveranstaltungen weggefallen sind und das Incoming-Geschäft ohne Busunternehmer stattfinden musste. Kurzum: Die Wachstumserfolge der letzten Jahre auf vielen Ebenen werden abschmelzen. Allerdings: Wir Niederrheiner haben uns seit Jahrzehnten immer wieder mit Kraft und Optimismus aus jeder Talsohle manövriert. Das erwarte ich auch als Antwort auf Corona – nicht in jedem Einzelfall, aber in jeder Branche.

Die Geschäfte öffnen allmählich wieder.

Ja, der Einzelhandel kann nach und nach wieder seine Magnetwirkung auf unsere Innenstädte unter Beweis stellen. Gerade diese Anziehungskräfte brauchen wir unbedingt. Die Vielfalt des Handels ist „das“ Lockmittel schlechthin.

Mich bewegen zwei Entwicklungen besonders: Zum einen müssen wir ganz schnell die Einzelhändler wieder vom persönlichen Erfolg überzeugen helfen, die nur ansatzweise und zum Teil altersbedingt darüber nachdenken, aufzuhören. Wir alle müssen um jedes genutzte Ladenlokal kämpfen. Zum zweiten müssen wir alles tun, damit nicht noch mehr Menschen diesem Verpackungsmüll und Verkehr produzierenden Internethandel Gutes abgewinnen können.

Gelingt uns beides, dann wird Corona seine zerstörerische Wirkung nicht vollends ausspielen können.

Der Kreis Kleve ist eine landwirtschaftlich geprägte Region – befürchten Sie einen Verlust an Arbeitsplätzen oder gar die Aufgabe von Betrieben?

Ja, eine derartige Furcht begleitet uns, und zwar durch Gespräche mit nahezu allen Branchenvertretern. Die Einzelhändler zählen dazu, die Solo-Selbstständigen ebenso wie viele aus dem Segment Dienstleistung. Selbstverständlich wissen wir um die Engpässe bei den Reisebüros, um die riesigen Probleme der Busunternehmer, die wir ja nicht nur für die Urlaubsreise brauchen, sondern die uns viel mehr Gutes tun, wenn sie wieder unsere Kinder und Enkel zur Schule fahren müssen. Im Grunde könnte man noch lange so fortsetzen.

Machen wir es kurz: Ja, ich befürchte den Verlust von Arbeitsplätzen ebenso wie auch die Aufgabe von Betrieben. Und wir erwarten im ersten Schritt auch, dass der Druck beim vielzitierten Fachkräftemangel deutlich nachlassen wird. Allerdings: Unsere landwirtschaftlich geprägte Region hat uns auch viele strahlungskräftige Marken in der Ernährungswirtschaft beschert. Mein Vater hat einst behauptet: „Gegessen wird immer“. Bislang wurde das nie widerlegt.

Wie sieht es im Gastgewerbe aus?

Im Gastgewerbe sind die Herausforderungen seit langem schon groß. Man könnte auch sagen: Corona hat den Versuch gemacht, manchem den Rest zu geben. Gerade hier waren die finanziellen Spritzen aus Kreis-, Landes- und Bundeskassen überlebensnotwendig. Man widerspreche mir gerne, aber die Gastronomie und die Kreditwirtschaft waren nie die ganz großen Freunde. Nur deshalb haben die Brauereien lange Jahre ihren Wirten unter die Arme gegriffen – auch, um ihre Vertriebswege zu sichern.

Wenn heute ein Wirt seine Bierhähne zudreht, dann geschieht das für immer. Und es folgt die Nutzungsänderung fürs Gebäude. Ein Entschluss der Eheleute Voss aus Wallfahrtsstadt Kevelaer, das Hotel Weißes Kreuz am traditionsreichen Kapellenplatz nun zu schließen etwa, bedeutet auch ein Wandel in der Stadtbild prägenden Geschichte des Standortes.

Wie kann der Kreis Kleve helfen?

Niemand kann allen helfen, auch eine Wirtschaftsförderung Kreis Kleve nicht. Ich darf sagen, dass wir in den letzten Wochen zu gut 4.000 Firmenchefs Kontakte gepflegt haben. Das ist schon eine ganze Menge. Und vielen, vor allem in der Zeit zu erwartender Finanzspritzen, ist da manch ein Stein vom Herzen gefallen. Das Wichtigste schien mir seither die Netzwerkarbeit. Die Unternehmen suchen in derartigen Situationen nach Weggefährten, nach Kooperationspartnern, nach weiteren Teamplayern. Da waren wir, denke ich, gut unterwegs.

Wenn Sie direkt nach dem Kreis Kleve fragen, dann steht mir eine solche Antwort eigentlich nicht zu, denn wir sind nicht der Kreis, sondern eine Einrichtung, die vom Kreis Kleve, allen 16 Städten und Gemeinden und den Sparkassen und Volksbanken getragen wird. Ich will aber gerne zum Ausdruck bringen, dass mich das spontane, unverzügliche Helfen des Kreises Kleve mit dem Corona-Soforthilfeprogramm für mittlerweile 1.400 Antragsteller und einer Fördersumme von 3,7 Millionen Euro ein wenig stolz macht.

Ich habe mich darüber gefreut, dass einige wenige Kreistagspolitiker, konkret die sechs Vorsitzenden der im Kreistag vertretenen Fraktionen, dem Landrat per Dringlichkeitsbeschluss Gelegenheit gegeben haben, die Rettung von Existenzen in höchster Not herbei zu führen. Nicht alle Wirtschaftsförderer im bundesweiten Geschehen spüren im Tagesgeschäft, welch hohe Anerkennung der heimischen Wirtschaft entgegengebracht wird.

Wir im Kreis Kleve haben diesen Nachweis einmal mehr. Dieser Schulterschluss tut gut. Auch denen, die vor Ort kämpfen.