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Eine RP-Kolumne von Hans-Josef Kuypers, Wirtschaftsförderung Kreis Kleve

 

Ausgabe 6 / 12.02.2020

„Prexit“ ist noch nicht in Sicht

Es ist schon Jahre her, seit uns weitsichtige Menschen das papierlose Büro versprachen. Und mindestens genauso lange arbeiten wir an dieser Herausforderung – einerseits der Umwelt zuliebe und andererseits wohl auch, um den allerorten steigenden Kosten Einhalt zu gebieten. So richtig papierlos jedoch geht es nach wie vor fast nirgendwo zu.

Seit langem schon gehen wir alle davon aus, dass man in Zeiten absolut brillanter Bildqualitäten von IPhones, Tablets, Laptops und Co. und einem permanent verfügbaren und jederzeit optimierbaren Internet-Auftritt irgendwann den Abgesang für alles hinnehmen muss, was einstmals aus der Druckerpresse kam und heute die teils riesigen Druckstraßen verlässt. Oder anders formuliert: Es ist zu erwarten, dass nach dem Grexit und dem Brexit irgendwann der Prexit folgt – die Abkehr vom Print-Produkt.

Sieht man sich allerdings im Alltag um, so gehört das gedruckte Wort nach wie vor zu unserem Frühstückstisch. Die Zahl der Fachmagazine und der Special-Interests scheint sich stetig zu vermehren und die Freude über Bebildertes in vier Farben gehört wie immer auch zu denen, die Urlaubsfreuden oder Städtetrips entgegensehen.

Wie könnte es sonst sein, dass den Besuchern der jüngsten Touristikmesse Niederrhein die Freude darüber an den Augen abzulesen war, dass man an den einladenden Ständen von Kreis, Stadt und Gemeinde erstmals die quadratische, 24seitige Broschüre zur „Fahrrad-Region Kreis Kleve in Knotenpunkten“ kostenfrei ausgehändigt bekam – ausgestattet mit gleich sechs Fahrradrouten durchs Kreisgebiet.

„Alles eine Frage der Zielgruppe“, wird der eine oder andere da behaupten. „Selbstverständlich“, kann man da entgegnen. Aber die Zielgruppe, die sich heute auf den Tourismus-Messen landauf landab bewegt, ist nach wie vor zu den „Best Agern“ zählend und dürfte nach unserem Augenschein noch viele Jahre kommen. Gut so. Der Niederrhein dankt und freut sich.      

  

Ausgabe 5 / 05.02.2020

Der „Tag der Ausbildung“ schlägt jedes Sabbatjahr

Nein, ich erwarte überhaupt nicht, dass jeder Mensch alle meine Ansichten teilt. Und spätestens dann, wenn sich erste Jahresringe auf der eigenen Stirn bemerkbar machen, dann hält man sich sowieso bei ausgesprochen jungen Themen gerne zurück. Eines allerdings, das ruft bei mir Reaktionen zwischen Nachdenklichkeit, Kopfschütteln und Unverständnis hervor: Das Sabbatjahr nach Erreichen der Hochschulreife. Es dient vielfach – so wird kolportiert – der inneren Einkehr und der Überlegung zur beruflichen Orientierung.

Es ist unübersehbar, dass sich wohl alle tragenden Teile unserer Gesellschaft anstrengen, jungen Menschen den Einstieg ins Berufsleben – ob mit oder ohne Studium – so leicht wie möglich zu machen. Nie zuvor waren die denkbaren Karrierewege den jungen Leuten so nahe und stecken meistens – dem Handy sei Dank – hinten rechts in der Jeans.

Da gibt es Einladungen zu Praktika, zu Tagen der offenen Tür und Werbefilme wie in den Kinos. Ob in Emmerich am Rhein oder Rees, ob in Kleve, Kalkar oder Wallfahrtsstadt Kevelaer, in Straelen oder nun in Geldern: Das Informieren und das Werben war auf Ausbildungs- und Job-Messen selten so ausgeprägt wie zur Stunde. 130 Anbieter buhlten beim „Tag der Ausbildung“ in der alten Herzogstadt um die Entscheidung junger Kandidaten. Auch Hochschulen waren an Bord, um Einstiege als Dualer Student oder Vollzeit-Studiosus schmackhaft zu machen. Und wer denn als einer der 3.000 Suchenden bei alledem seine Übersicht in Gefahr sah, für den gab es unterstützende Hilfen von den Berufskollegs, der Agentur für Arbeit, den Kammern, den Wirtschaftsförderern, von ausgewählten Firmenchefs als Seminarleiter und vielen mehr.

Es sei also die Ansicht erlaubt: Für die bereits zitierte berufliche Orientierung wird richtig viel bewegt, und zwar aus allen nur denkbaren Bereichen mit stets dem einen Ziel: Der Jugend hier vor Ort Chance, Perspektive und Zukunft zu bieten.

Bleibt also wohl die innere Einkehr als Argument fürs Sabbatical. Verstanden, das zählt nach schweren Wochen vorm Abitur. Aber gleich ein ganzes Jahr, wo doch alle beruflichen Weichenstellungen erkennbar sind und das richtige Leben mit allen spannenden Herausforderungen wartet? Es stehen mindestens zwei Semester oder ein ganzes Ausbildungsjahr auf dem Spiel. Es lohnt, kurz darüber nachzudenken.

 

Ausgabe 4 / 29.01.2020

Nicht nur für Romantiker

Eine derart spontane und abgrundtief ehrliche Antwort kommt nicht alle Tage vor: „Ich habe als Praktikant bei einem Großevent-Veranstalter schon früh erleben müssen, dass in der Hotellerie und Gastronomie immer dann gearbeitet wird, wenn ich gerne mitfeiern würde“, sagte der junge Mann vor kleiner Journalisten-Runde. Deshalb habe er seinen Traum aufgegeben und eine andere Perspektive gesucht.

Heute ist er Auszubildender im zweiten Lehrjahr bei einem namhaften Arbeitgeber der Ernährungsindustrie. Und als solcher war er nicht dabei, als einige hundert fleißige Dienstleister in diesen Tagen im Wunderland Kalkar gemeinsam mit Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft das Glas auf's neue Jahrzehnt erhoben. „Neujahrsempfang des DEHOGA NORDRHEIN“ war die Veranstaltung überschrieben. Und wohl alle – ob in feinsten Roben oder in einfachen Jeans und T-Shirts, ob mit frechem Dirndl oder mit breitem Schnauzbart – sie hatten eines gemeinsam: Die Freude, an diesem Abend einmal auch sich selbst feiern zu dürfen.

Ob Köche oder Hotelfachleute, Hotelkaufleute oder Fachleute für Systemgastronomie, Restaurantfachleute oder Gastgewerbe-Fachkräfte – sie alle stießen gemeinsam mit den Sponsoren der Brauwirtschaft und Getränkeindustrie an. Und Han Groot Obbink als regionaler DEHOGA-Chef war einmal mehr der überzeugende Motivator.    

Bleibt die Frage, ob wir uns ab und an und immer wieder der Tatsache bewusst sind, wie wertvoll für uns alle diese jungen und jung gebliebenen Menschen sind. Ob zu Ostern oder Pfingsten, ob in der Weihnachtszeit oder zum Silvesterfeuerwerk – sie sind für uns da. Und tun es allen jenen gleich, die in Pflegeeinrichtungen tätig sind oder an Krankenbetten stehen – und häufig genug zum Mindestlohn unterwegs sind.

Es gibt eher keine zwei Meinungen darüber, wie wichtig der richtige Wirt für einen intakten Stadtteil, wie bedeutsam das strahlungskräftige Speiselokal für einen Standort sein kann. Ob er nun Kalli oder Benni heißt, ob es der Willi ist oder der André. Für echte Romantiker hat der Gassenhauer über „Die kleine Kneipe“ nach wie vor Gehaltvolles.   

 

Ausgabe 3 / 22.01.2020

Die Leute hier, die haben den Schlaf aus ...

Manchmal ist es durchaus erfreulich, wenn einflussreiche Zeitgenossen am richtigen Ort im geeigneten Moment deutliche Worte finden. Wenn die Wortwahl dann auch noch dazu geeignet ist, Formuliertes für einen Platz in den Schlagzeilen der mehr oder weniger bunten Blätter zu qualifizieren, dann ist es umso besser. Es dürfte etwa drei Jahrzehnte her sein, als ein Regierungspräsident aus Düsseldorf, dem man nachsagte, sehr gerne seinen Ausgleich beim Radfahren unweit von Vater Rhein zu suchen, über die Anziehungskraft der Region nachdachte. Und mehr oder weniger laut sprach er aus, was so deutlich noch kaum einer vor ihm hatte sagen wollen: „Der Tourismus am Niederrhein ist ein schlafender Riese.“ 

Wumm. Das war angekommen. Das Kreisgebiet dürfte damals gute 300.000 Übernachtungen in die Jahrbücher des damaligen Statistischen Landesamtes geschrieben haben. Seither ist viel passiert. Die öffentliche Hand hat sich mächtig bewegt, die Privaten haben Morgenluft geschnuppert und an die Chancen wachsender Gästezahlen geglaubt und die Tagestouristen, Kurzurlauber und Fahrrad-Enthusiasten haben ihre Wertschätzung gegenüber Land und Leuten zu buchbaren Umsätzen gewandelt. Heute, da die Tourismusförderer aus Städten und Gemeinden wieder ausschwärmen zu den kleinen und großen Touristik-Fachmessen eines jeden Frühjahres, da träumt man im Kreisgebiet zurecht vom Erreichen der Million Übernachtungen. 

Die Hotel-Szene ist sowohl qualitativ wie quantitativ gewachsen. Burgen und Schlösser haben sich rausgeputzt. Bauernhof-Cafés und Mühlenvereine beweisen Gastlichkeit. Die Zahl der Reisemobil-Stellplätze in jeder Stadt und Gemeinde macht selbst Fachleute zufrieden. Und immer öfter suchen Private ihr persönliches Hobby im Betreiben ihrer ureigenen Ferienwohnung, von denen es über 400 gibt. Kurzum: Das Angebot stimmt und würde heute jeden Regierungspräsidenten Lügen strafen, wiederholte er die damalige Aussage. 

Das Wunderland Kalkar schreibt sechsstellige Übernachtungszahlen. Die Veranstaltungslandschaft um Courage & Co. blüht. Der Airport Weeze lockt mit Flugbewegungen und Riesen-Events. Die Freizeit-Erlebnisoase Irrland begrüßt siebenstellige Gästezahlen und im Kreisgebiet zeigt man nach 450.000 Euro-Investition voller Zufriedenheit auf 1.000 Kilometer Radwegenetz, das nun in seine mit Spannung erwartete erste Saison mit neuem Knotenpunktsystem geht. 

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, dass ein einflussreicher Zeitgenosse vom Rad steigt, sich die Augen reibt und über seine Lippen bringt: „Echt riesig, was hier passiert ist. Die Leute hier, die haben den Schlaf aus...“.

 

Ausgabe 2 / 15.01.2020

Der Schmetterling heißt die Region willkommen

Er ist genau so selten geworden wie der einst von Liedermacher Reinhard Mey besungene Maikäfer: Der Schmetterling. Neben dem „Willkommen“ zeigt sich die Seite der Internationalen Grünen Woche in Berlin im Netz mit einem solchen farbenfrohen Hingucker, der den Besuch dieser medienwirksamen Messe empfiehlt und damit 1.800 Aussteller aus 61 Ländern und 400.000 Besucher weltweit anlockt. 300 Fachveranstaltungen, Foren, Seminare und Kongresse machen das Gelände unter dem Funkturm zum „Davos im Agrobusiness“. Und der Niederrhein ist dabei.

Trotz der nachdenklich stimmenden Zeiten, in denen die tagesaktuellen Nachrichten eher den Weltfrieden in Gefahr sehen denn den Fokus auf Maikäfer und Schmetterlinge richten, kommt man in Berlin schnell an den Punkt, wo sich Achtung, Anerkennung und Respekt vor den Leistungen der Grünen Branche bündeln. Dieses Schaufenster der Welt zeigt einmal mehr überzeugend auf, dass die Branche in Gummistiefeln, wie manche oberflächlich urteilen, seit jeher klug, weitsichtig und marketinggerecht ihre Nischen pflegt. Wie sonst stellt man bei sich selbst fest, dass man schon als Kleinkind den Namen „Bauer Lamers“ als Vor- und Nachname empfand, dass der Volksmund „Kraut Koppers“ aus Goch oder „Mettwurst Thönes“ aus Uedem zum Synonym für Regionale Produkte machte und die Metzgerei Quartier aus Kleve oder der „Spargelhof Allofs“ aus Walbeck Beruf und Berufung wie selbstverständlich zum Bestandteil des ureigenen Namens reifen ließ?

Dies alles hat auch mit Identifikation zu tun, wie sie Haupt- und Ehrenamtliche gegenwärtig auf der Internationalen Grünen Woche deutlich und dankenswert für uns alle unter Beweis stellen.

Wer denn schon einmal das Glück hatte, für eine gute halbe Stunde lang mit dem Heißluftballon über der von Sonne verwöhnten Region zu schweben, der vergisst es nie: Das Bild der Städte und Gemeinden, der Wasser- und Landstraßen, vor allem aber das naturgeprägte Schachbrettmuster, das Wald und Feld in ein beeindruckendes Miteinander bringt. Alle jene, die sich im Tagesgeschäft um die Farbenpracht dieser Eindrücke bemühen – begleitet von wirtschaftlichen Herausforderungen im Umfeld einer unter Preisdruck stehenden Ernährungsindustrie, von ewig kritischen Begleitern, von Generationswechsel-Problemen und Fachkräftemangel – alle jene stehen derzeit in der Bundeshauptstadt für uns auf dem harten aber imagefördernden Messeboden. Und dies in den meisten Fällen nicht zum ersten Mal.  

„Seit 1926 international einzigartig“, empfindet sich die Internationale Grüne Woche, also im Berlin der Zwanziger Jahre auf den Weg gebracht. Schon drei Jahre später, am 1. Januar 1929, gründete Dr. Walther Klein-Walbeck mit 55 Kleinbauern, Handwerkern und Arbeitern die „Spargelbaugenossenschaft Walbeck und Umgegend“. Sicher ist also, dass die Suche nach Aufmerksamkeit, Interesse und Erfolg nicht ganz neu sind. Und verbrieft, oder besser vertont, ist auch das ewige Ringen um den Weltfrieden und die Geschenke der Natur.

Schon in seinen frühen siebziger Jahren, als der Liedermacher, Poet, Vegetarier und Tierschützer Reinhard Mey „Über den Wolken“ schwebte, teilte er uns in einem seiner vielen Lieder mit: „Und wenn ich denn wüsste, dass morgen die Welt unterginge… so würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Mey konnte schon als junger Pilot die Welt von oben sehen, hat somit das naturgeprägte beeindruckende Schachbrettmuster unter den Wolken mehr als nur einmal erlebt. Will meinen: Setzen wir also auf den Schmetterling, der unsere Region zur Internationalen Grünen Woche willkommen heißt.

 

Ausgabe 1 / 08.01.2020

Plädoyer für die farbenfrohe Schleife

Kreis Kleve – Und fast schon haben wir uns daran gewöhnt. Mit dem mitternächtlichen Silvester-Feuerwerk tragen die Kassenbons – ob als häufig völlig überflüssiger kleiner Streifen von der Ladentheke oder als beeindruckende Rechnung vom Hersteller – die 2020 als Jahreszahl. Vorbei ist einmal mehr die Zeit, die den Wirtschaftswunder-Kindern einstmals als das „Hochfest des Einzelhandels“ verkauft wurde. Die Weihnachtsgeschenke sind ausgepackt, die Umtausch-Hysterie gehört der Vergangenheit an, Raketen und Böller nahmen im Einkaufswagen trotz Greta wie eh und je den Platz ein, wo noch vor wenigen Tagen Christbaumkugeln und heimische Printen ihren Weg zur Kasse fanden. „Alle Jahre wieder“, haben es die Vollsortimenter ihrer erwartungsfrohen Kundschaft einmal mehr vom Endlos-Band über die Köpfe geblasen – wohlwissend, dass doch vieles anders war als früher.

Viel zu oft gab es zum weihnachtlichen Päckchen nicht die farbenfrohe Schleife des Fachgeschäfts vor Ort, sondern die hektischen Gesichtszüge des eiligen Paketdienst-Fahrers zu sehen – driving home for christmas. Längst denken die Stadtplaner in Großstädten weniger über Parkraum für Innenstadt-Besucher nach denn über stadtnahe Standorte für Waren-Verteilzentren, von wo aus lautlose E-Scooter die ersehnte Internet-Fracht – im schlimmsten Falle vorbei an abgedunkelten Schaufenstern – zum Endkunden an die heimische Haustür bringen. Eine Entwicklung, der die zentralitätssteigernden Weihnachtsmärkte mit all´ ihrer Schönheit, ihrer Strahl- und Anziehungskraft nur schwerlich Paroli bieten können. 

Zum Start ins neue Jahrzehnt tut die Überlegung not, wie wertvoll uns der freundliche Empfang im Haushaltswaren-Fachgeschäft ist, was uns der nette Plausch über die Ladentheke oder das persönliche Beratungsgespräch beim Banker unseres Vertrauens wirklich bedeutet. Es macht doch Sinn darüber nachzudenken, ob nicht auch das Einkaufserlebnis vor Ort genau den Weg fortsetzt, auf dem man bereits auf die unsäglichen Plastiktaschen verzichtete, die unsere Weltmeere verdrecken.   

Sonst könnte es noch soweit kommen, dass wir ein schleichendes Einzelhandels-Sterben erleben und wir uns alle neben dem Friday For Future an den Sunday For Shops gewöhnen müssen. Und dies in Erinnerung an die gute alte Zeit, als es im Fachgeschäft noch farblich auf Geschenkkartons abgestimmte Schleifen gab und der Advent die Tage bis zum Christfest zählte und nicht jene bis zur Ankunft des Paketboten. 

Kuypers Hans Josef 520

Eine RP-Kolumne von Hans-Josef Kuypers, Wirtschaftsförderung Kreis Kleve